← Blog

Blog · Investment

Warum ich Neobroker gut finde und trotzdem etwas anderes mache

18. August 2026 · 7 Min. Lesezeit · Alexander Weißbrich

Titelbild zum Beitrag Warum ich Neobroker gut finde und trotzdem etwas anderes mache

Fünf Punkte für Menschen mit 30 Sekunden Zeit

  1. Ich halte die Neobroker für eine gute Entwicklung. Sie haben in fünf Jahren geschafft, wofür ich fünfzehn gebraucht habe. Aktien sind in Deutschland normal geworden.
  2. Kostenlos ist dort trotzdem niemand unterwegs. Ein großer Anbieter hat in einem Geschäftsjahr rund 340 Millionen Euro Erträge ausgewiesen, davon 316 Millionen aus Provisionen.
  3. Seit dem 1. Juli 2026 ist eine wichtige Einnahmequelle verboten. Die Ordergebühren steigen trotzdem nicht. Der Preis wandert dorthin, wo er nicht auf der Abrechnung steht.
  4. Ich benutze dieselben Produkte. Der Unterschied liegt nicht im ETF, sondern darin, dass jemand deine Situation kennt und ans Telefon geht.
  5. Am 7. April 2025 war genau das der Unterschied. Als die Apps unter der Last zusammenbrachen, musste in den von mir betreuten Depots niemand verkaufen.

Die Langfassung, für ein bis zwei Tassen Kaffee.

Fangen wir mit dem an, was mir wirklich gefällt

Als ich vor fünfzehn Jahren in dieser Branche angefangen habe, war mein Job ein anderer als heute. Ich musste Menschen davon überzeugen, überhaupt Aktien zu kaufen.

Das klingt heute absurd. Damals war es Alltag. Deutschland trug seit den Ereignissen Anfang der 2000er eine tiefe Abneigung gegen Aktien mit sich herum, und wer eine bestimmte Telekom-Werbung im Kopf hatte, war für das Thema auf Jahre verloren. Ich habe Leute regelrecht bekniet, wenigstens die Hälfte ihres langfristigen Vermögens in Aktien anzulegen. Über vierzig Jahre. Mit allem, was die Mathematik dazu hergibt.

Heute ist das normal. Junge Menschen legen selbstverständlich einen Sparplan an, ohne dass jemand sie überreden muss.

Diesen Fortschritt schreibe ich nicht mir zu. Ein guter Teil davon geht auf das Konto der Anbieter, die den Zugang einfach und billig gemacht und dafür laut geworben haben. Das ist eine gute Entwicklung, und ich bin der Letzte, der sie schlechtredet.

Trotzdem gehört ein Satz zur Wahrheit dazu

Es gibt Menschen, die keinen Dienstleister bezahlen wollen. Die partout nicht möchten, dass in diesem Bereich irgendjemand an ihnen verdient. Diese Haltung ist älter als jede App, und sie ist völlig legitim. Ich versuche nicht, diese Menschen zu belehren, und ich renne ihnen auch nicht hinterher. Sie sind schlicht nicht meine Kunden.

Was in dieser Gruppe manchmal untergeht, ist die Frage, wovon der Anbieter eigentlich lebt.

Ein Blick in die Zahlen hilft. Ein großer deutscher Neobroker hat für sein Geschäftsjahr von Oktober 2023 bis September 2024 Erträge von rund 340 Millionen Euro ausgewiesen. 316 Millionen davon waren Provisionserträge. Der Jahresüberschuss lag bei 34,8 Millionen.

Das ist kein Vorwurf. Das ist ein funktionierendes Unternehmen, und ich gönne es. Es widerlegt nur die Vorstellung, dass dort niemand etwas bezahlt.

Was sich am 1. Juli 2026 geändert hat

Ein großer Teil dieses Geschäfts lief über eine Konstruktion, bei der ein Handelspartner dem Broker Geld dafür zahlte, dass die Kundenorder bei ihm landete. Auf Englisch heißt das Payment for Order Flow. Es war die Grundlage dafür, dass eine Order einen Euro kosten konnte oder gar nichts.

Die Europäische Union hat das verboten. Deutschland hat als einziger Mitgliedstaat eine Übergangsfrist gezogen, bis zum 30. Juni 2026. Seit dem 1. Juli ist damit Schluss.

Die Anbieter haben angekündigt, dass die Ordergebühren deswegen nicht steigen. Ich glaube ihnen das sogar. Nur muss der Ertrag ja irgendwo herkommen.

Er kommt jetzt aus der Zinsmarge auf Guthaben, aus eigenen Handelsplätzen, aus Abo-Modellen und aus der Spanne zwischen An- und Verkaufskurs, die außerhalb der regulären Börsenzeiten spürbar auseinandergeht. Ein Analyst hat das sehr treffend zusammengefasst. Das Problem ist nicht die Gebühr, die du siehst, sondern die Rendite, die du nicht bekommst.

Wer meine beiden Beiträge über kostenfreie Beratung gelesen hat, erkennt das Muster sofort. Der Preis verschwindet nie. Nur seine Sichtbarkeit.

Womit ich arbeite

Ich verwende kostengünstige ETFs, aktive Fonds ohne Ausgabeaufschlag und grundsätzlich das, was der Markt hergibt. Ich bin an kein Haus und an keine Produktliste gebunden.

Dazu kommt ein fester Preis. Er steht von Anfang an, du kennst ihn vorher, und es gibt hinterher keine Überraschung. Er liegt auch nicht über dem, was am Markt üblich ist, in vielen Fällen darunter.

Der Unterschied liegt also woanders. Ein Neobroker verdient sein Geld über die Masse. Das Angebot ist für alle gleich, manchmal gibt es zwei oder drei Strategien zur Auswahl, individuell wird es nie. Das ist keine Kritik, sondern die Beschreibung eines Geschäftsmodells, das genau so funktionieren muss.

Bei mir setzt sich jemand mit deiner Situation auseinander. Mit deinem Einkommen, deiner Familie, deinem Zeithorizont, deiner Risikoaffinität und der Frage, was passiert, wenn etwas dazwischenkommt. Und danach gibt es einen Menschen, den du anrufen kannst, den du fragen kannst und bei dem du dir einen Termin buchst.

Bei einem Neobroker bist du einer von zehn Millionen. Und so wirst du auch behandelt.

Wer damit zufrieden ist, ist bei mir falsch. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass es diese Möglichkeit gibt. Sie nimmt mir die Gespräche ab, die ohnehin nie zu einer Zusammenarbeit geführt hätten.

Der 7. April 2025

Es gibt einen Tag, an dem der Unterschied sichtbar wurde.

Anfang April 2025 kündigte die US-Regierung ein umfassendes Zollpaket an. Die Märkte gaben weltweit nach, deutlich und schnell. Der DAX eröffnete am Montag, dem 7. April, mehr als zehn Prozent im Minus.

An diesem Morgen waren die Apps mehrerer großer Anbieter überlastet. Ladeverzögerungen, Fehlermeldungen, falsch angezeigte Depotstände. Allein an diesem Tag gingen über 8.000 Störungsmeldungen ein.

Ein Anbieter hat damals ausdrücklich klargestellt, dass die Ausführung der Aufträge an der Börse nicht betroffen war, sondern nur die Anzeige in App und Web. Das ist eine wichtige Unterscheidung, und sie macht den Punkt sogar schärfer. Wer kaufen oder verkaufen wollte, war sich nicht sicher, ob alles geklappt hat. Und wer nur nachsehen wollte, wie es um sein Geld steht, kam nicht durch.

In den Depots, die ich betreue, musste in dieser Phase niemand verkaufen. Nicht weil ich klüger bin als der Markt, sondern weil vorher besprochen war, was passiert, wenn genau das passiert.

Diese Zölle sind nämlich nicht vom Himmel gefallen. Sie standen im Wahlkampf 2024 auf dem Programm, angekündigt und öffentlich. An welchem Tag sie kommen, konnte niemand wissen. Dass sie kommen würden, war klar. Genau darüber lässt sich vorher reden, und genau das haben wir getan.

Wer an diesem Montag in Panik geraten ist, hat den Prozess davor nicht mitverfolgt. Wer weiß, warum sein Depot so aussieht, wie es aussieht, muss nachts nicht auf eine App starren.

Das ist eine Aussage über die Vergangenheit, und sie ist kein Versprechen für die Zukunft. Die nächste Verwerfung kommt bestimmt, und sie wird anders aussehen.

Warum mich die Zahlen trotzdem nicht nervös machen

Ich brauche keinen Marktanteil. Ich will aus Millionen von Haushalten 246.

Wenn morgen fünf Millionen Menschen mehr ein Depot bei einem Neobroker eröffnen, ist das für dieses Modell ohne Bedeutung. Es sind schlicht nicht die Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten würde, und sie suchen auch nichts, was ich anbiete.

Es kommt nicht darauf an, wie viele es gibt. Es kommt darauf an, ob die, die zu mir kommen, das Richtige bekommen.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wenn du deine Geldanlage selbst in die Hand nehmen willst, mach das. Ernsthaft. Die Instrumente dafür waren nie so gut und nie so günstig.

Stell dir nur zwei Fragen vorher. Weißt du, wovon dein Anbieter lebt, wenn die Order nichts kostet? Und weißt du, was du tust, wenn dein Depot an einem Montagmorgen zehn Prozent im Minus steht und die App nicht lädt?

Die zweite Frage beantworten die meisten zu schnell. Wir alle haben uns schon mal zum Millionär gerechnet. Auf dem Papier bleibt jeder ruhig. Wenn aus hunderttausend Euro über Nacht achtzigtausend werden, ist es dein Geld und nicht mehr deine Rechnung.

Wer beide Fragen beantworten kann, braucht mich nicht. Wer bei der zweiten ins Grübeln kommt, sollte darüber nachdenken, ob ein Ansprechpartner nicht doch seinen Preis wert ist.


Wenn du regelmäßig von mir hören willst, abonniere meinen Newsletter. Fachliche und persönliche Inhalte, Kommentare zu aktuellem Geschehen. Regelmäßig, ohne „Monopoly-Wochen“.

Du willst wissen, wie so eine Zusammenarbeit konkret aussieht? Dann buch dir dein kostenfreies Kennenlernen.

Quellen

  • Geschäftszahlen Trade Republic, Geschäftsjahr Oktober 2023 bis September 2024, aus dem Jahresabschluss im Unternehmensregister. Berichtet von Börsen-Zeitung und Handelsblatt.
  • Zum Verbot von Payment for Order Flow und der deutschen Übergangsfrist bis zum 30. Juni 2026: justETF, BANKINGCLUB, DAS INVESTMENT.
  • Zu den Störungen am 7. April 2025: Finanztip, Stuttgarter Nachrichten. Die Klarstellung, dass die Ausführung an der Börse nicht betroffen war, stammt vom Anbieter selbst.
  • Dass die Zölle im US-Wahlkampf 2024 angekündigt waren, ist öffentlich dokumentiert, unter anderem in der Übersicht zu den „Liberation Day“-Zöllen.
  • Alle Aussagen über die von mir betreuten Depots beruhen auf meiner eigenen Praxis. Sie sind Aussagen über die Vergangenheit und kein Versprechen für die Zukunft.

Hinweis. Dieser Beitrag ist meine persönliche Einschätzung mit Stand vom 18. August 2026, recherchiert und belegt mit Quellen, die ich als seriös ansehe. Er ist eine allgemeine Information und ersetzt keine Beratung, die deine persönliche Situation berücksichtigt. Gesetze, Produkte und auch meine Meinung können sich ändern.

Alle Beiträge im Blog →